Aleksandar Hemon

Meine Eltern / Alles nicht dein Eigen

In seinem neuen Buch Meine Eltern / Alles nicht dein Eigen führt uns Aleksandar Hemon zwei radikal verschiedene Formen des Erinnerns vor Augen. Das eine Buch, Meine Eltern, zeichnet detailliert und äusserst liebevoll das Leben seiner Eltern nach. Er kontextualisiert, trifft Annahmen, zieht Schlussfolgerungen und präsentiert uns das Leben seiner Eltern in einer überzeugenden Logik, nachvollziehbar und nachfühlbar. Das Leben nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Regime Titos, mit all seinen Hoffnungen und Idealen, fächert sich vor uns auf. Ebenso wird der tiefe Bruch, den sie erlitten haben, als sie während des Bosnienkrieges nach Kanada fliehen mussten, die Ankunft in einer fremden Welt, das Erinnern an die eigene Vergangenheit.

Ganz anders geht er im anderen Buch, Alles nicht dein Eigen, vor. Hier leuchten einzelne Erinnerungen aus Hemons Kindheit auf, singuläre, nicht kontextualisierte, absolut individualistische Bruchstücke. Die Erinnerungen sind roh, unerklärt, authentisch. Parallel dazu flechtet der heutige Hemon Gedanken über das Erinnern auf theoretischer Ebene ein, Sinn und Zweck des Erinnerns, dessen Zuverlässigkeit, dessen Aneignungen.

Es ist eine wirklich spannende Angelegenheit diese beiden Bücher, diese beiden verschiedenen Formen des Erinnerns, miteinander zu lesen. Für das eigene Erinnern, für das Erinnern an eine vergangene Zeit, für das Verstehen von Verlusten – sei es der Verlust eines Ortes, an dem man aufgewachsen ist, oder sei es der Verlust der Kindheit. cn

Klappentext:

Hemons neuer Band sind eigentlich zwei in einem, zusammengebracht in einem Wendebuch: Die Geschichte von Hemons Eltern, ihrer Immigration von Sarajewo nach Kanada und ein Buch mit kurzen Erinnerungen an die Familiengeschichte des Autors, an Freunde und eine wilde, unbeschwerte Kindheit in seiner Heimatstadt.

Im Band über seine Eltern erzählt er nahbar, genau, zärtlich und poetisch von ihren Anstrengungen, von den stillen Versuchen seiner Mutter (Mama); die Familie zusammenzuhalten, von der fanatischen Imkerei seines Vaters (Tata) und bemisst beinahe beiläufig die Verluste, die die Hemons und ihre Landsleute erlitten haben. Hemon zeichnet das herzzerreissende Porträt eines untergegangenen Landes, das  allzu oft Spielball war.

Alles nicht dein Eigen ist die rauschhaftere, rauere und unkonventionellere Seite dieser Medaille: Vignetten über den jungen Hemon, seine Wildheit und Wut. Sie fügen Hemons Protagonisten Aleksandar eine bis dato unerwarete Facette hinzu – die des jungen, energiegeladenen (und eben oft wütenden) Sohnes, der nicht verstehen kann, was verdammt nochmal so schwer daran sein soll, irgendwo anzukommen.

Über die Autorin / über den Autor:

Aleksandar Hemon wurde 1964 in Sarajewo geboren. 1992 hielt er sich im Rahmen eines Kulturaustauschs in den USA auf, als er von der Belagerung seiner Heimatstadt erfuhr. Er beschloss, im Exil zu bleiben. Seit 1995 schreibt er auf Englisch. Sein Erzählband Die Sache mit Bruno erschien 2000, 2002 folgte der Roman Nowhere Man, der für den National Book Critics Circle Award nominiert war. Die MacArthur Foundation zeichnete Hemon 2004 mit dem Genius Grant aus. Spätestens seit seinem international gefeierten Roman Lazarus gehört er zu den meist beachteten Stimmen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Hemon lebt mit seiner Familie in Princeton, New Jersey.

Henning Ahrens, geboren 1964, lebt in Frankfurt a.M. Er übersetzte Lyrik, Kinder- und Jugendbücher sowie zahlreiche Romane aus dem Englischen, darunter solche von Saul Bellow, Jonathan Safran Foer, Richard Powers und Hanif Kureishi.

Preis: CHF 33.90
Sprache: Deutsch (aus dem Englischen von Henning Ahrens)
Art: Gebundenes Buch
Erschienen: 2021 (2019)
Verlag: Claasen
ISBN: 978-3-546-10045-8
Masse: 416 S.

zurück