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UNSERE BUCHHANDLUNG

mille et deux feuilles
Buchhandlung zum Mittelmeer und mehr

Glasmalergasse 6 
8004 Zürich 
Tel. 044 291 11 33 
info@milleetdeuxfeuilles.ch

Di-Fr 10-18.30
Sa 10-17 Uhr

AKTUELL

Unser Wochentipp

Shafak kreiert in diesem Roman eine bezaubernde und beseelte Atmosphäre. Sie schafft es, mystische Verzauberung ohne Kitsch in historische Geschehnisse zu verweben. Ein Roman über die Teilung von Zypern.


Neu in der Buchhandlung

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    Yousif T. Ahmed
    I'm no longer human

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    Gustave Flaubert
    Memoiren eines Irren

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    Paolo Cognetti
    Das Glück des Wolfes

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    Carlo Lucarelli
    Der schwärzeste Winter
    Ein Commissario-De-Luca-Krimi
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    Tea Ranno
    Agata und das zauberhafte Geschenk

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    Marco Balzano
    Damals, am Meer

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    Simone de Beauvoir
    Die Unzertrennlichen

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    Leïla Mustapha, Marine de Tilly
    La femme, la vie, la liberté

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    Franca Magnani
    Eine italienische Familie

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    Veronika Wengert
    111 Orte in Slowenien, die man gesehen haben muss

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    Hela Ouardi
    Les califes maudits

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  • slide 12
    Mona Ameziane
    Auf Basidis Dach
    Über Herkunft, Marokko und meine halbe Familie
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  • slide 13
    Basma Abdel Aziz
    Here is a Body

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  • slide 14
    Alexa Hennig von Lange
    Die Wahnsinnige

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  • slide 15
    Christiane Schlötzer
    Istanbul – ein Tag und eine Nacht
    Ein Porträt der Stadt in 24 Begegnungen
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  • slide 16
    Pajtim Statovci
    Grenzgänge

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  • slide 17
    M. Karagatsis
    Oberst Ljapkin

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  • slide 18
    Nicoletta Giampietro
    Niemand weiss, dass du hier bist

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  • slide 19
    Georg Hermann
    Der etruskische Spiegel

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  • slide 20
    Emine Sevgi Özdamar
    Ein von Schatten begrenzter Raum

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  • slide 21
    Marie NDiaye
    Die Rache ist mein

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Zürich liest

Die Macht des Ethnischen
Do, 28.10.2021, 19:30 – 21:00 Uhr
Cyrill Stieger

Ort:
Buchhandlung mille et deux feuilles, Glasmalergasse 6, 8004 Zürich

Cyrill Stieger stellt sein neues Buch über die sichtbaren und unsichtbaren Trennlinien auf dem Balkan vor. Darin geht er der Frage nach, ob sich die im Krieg aufgerissenen ethnischen Grenzen verfestigt oder ob sie sich mit der neuen Generation wieder aufgeweicht haben. Die Instrumentalisierung und Manipulation von Erinnerungen sind aktuelle Fragen in Zeiten des erstarkten Nationalismus und zunehmender autoritärer Tendenzen. Cyrill Stieger nimmt uns mit auf seine Reise zu den Menschen, die auf seine Fragen antworten und verbindet diese anschaulich mit historischen und politischen Analysen.

Eintritt: CHF 15.00

Mit Ermässigung: CHF 7.00 
(Legi, Schüler, Lehrlinge, IV-Bezüger, Kulturlegi, AHV-Bezüger)

Tickets unter EmailWebseite, 041 291 11 33

Zürich liest

Ina Boesch
Fr, 29.10.2021, 19:30 – 21:00 Uhr
Auf Spurensuche mit Ina Boesch

Ort:
Buchhandlung mille et deux feuilles, Glasmalergasse 6, 8004 Zürich

Ina Boesch liess sich für die Geschichte ihrer Vorfahren von einer Hauptfrage leiten: Wie waren die Zürcher Kaufleute Kitt mit der Welt verbunden? Sie folgte ihren globalen Spuren nach Ägypten, in die Karibik und die USA und durchforstete Archive. Ihre Recherche förderte viele Beweise einer kolonialen Verflechtung zutage. Baschi und Sebastian handelten mit Gewürzen, Anna Margaretha konsumierte überseeische Produkte, Rudolf diente als Söldner, Salomon mischte im Dreieckshandel mit und Armin packte das Ägyptenfieber. Von diesen Figuren, die sich "weltwärts" bewegten, erzählt Ina Boesch, indem sie die Geschichte ihrer Recherche gekonnt mit Fakten und Imagination verwebt.

Eintritt: CHF 15.00

Mit Ermässigung: CHF 7.00 
(Legi, Schüler, Lehrlinge, IV-Bezüger, Kulturlegi, AHV-Bezüger)

Tickets unter EmailWebseite, 041 291 11 33

Zürich liest

Amori. Die Inseln
Sa, 30.10.2021, 18:00 – 19:30 Uhr
Johanna Lier

Ort:
Buchhandlung mille et deux feuilles, Glasmalergasse 6, 8004 Zürich

In ihrem neuen Buch lässt Johanna Lier neun Männer und Frauen aus dem Lager Moria auf der Insel Lesbos, Geflüchtete und Aktivistinnen, zu Wort kommen, die der Autorin (oder ihrem fiktiven Alter Ego Henny L.) erzählen, was es braucht, um dort zu überleben. Es geht um Hunger, Kälte, Hitze, Warten, Gewalt und um den radikalen Kontrollverlust über das eigene Leben. Sie fliehen vor Krieg, Diktatur und den Auswirkungen der Klimakatastrophe; manche sind auf der Suche nach einem besseren Leben; allen ist gemein, dass sie in seeuntüchtigen Gummibooten das Ägäische Meer überqueren und auf den griechischen Inseln in Lagern gefangen gehalten werden, bis entschieden ist, ob sie in Europa Asyl beantragen dürfen. Das kann Jahre dauern. Amori. Die Inseln» ist keine Chronik der Skandale, sondern ein Bericht, der mit literarischen Mitteln die Nähe zu den Beteiligten sucht, und wo die Protagonistinnen der Autorin ihre eigenen Vorstellungen von persönlicher Erfüllung und Freiheit entgegensetzen.

Eintritt: CHF 15.00

Mit Ermässigung: CHF 7.00 
(Legi, Schüler, Lehrlinge, IV-Bezüger, Kulturlegi, AHV-Bezüger)

Tickets unter EmailWebseite, 041 291 11 33

Ausblick

Blicke nach Süden 2

Feministinnen in Ägypten, Jugoslawien und Italien

Im Rahmen 50 Jahre Frauenstimmrecht Schweiz organisieren wir in der Buchhandlung drei Abende, die den Blick aus der Schweiz nach Süden richten, konkret nach Ägypten, Jugoslawien und Italien. Wie hat sich in diesen Ländern am Mittelmeer die Situation der Frauenrechte entwickelt? Wofür haben Frauen und feministische Bewegungen gekämpft? Wie zeigt sich das in der Literatur? Und welchen Einfluss hatte die Emanzipation der Frau auf Kunst und Philosophie? 

Donnerstag, 18. November 2021: "Ich kämpfe, also bin ich" – Die frühen Feministinnen Hudā Schaʿrāwī und Doria Shafik im Ägypten nach 1920

Maya Doetzkies und Olfat Wassef stellen zwei Feministinnen vor, die sich in Ägypten zwischen 1920-1960 mit dem Mut von Löwinnen für die politischen Rechte der Frauen auf nationaler und internationaler Ebene eingesetzt haben.

Präsentation: Deutsch; Gespräch: Englisch (mit zusammenfassender Übersetzung); Lesung: Französisch und Arabisch

Donnerstag, 2. Dezember 2021: "Proletarier der Welt, wer wäscht Eure Socken?" – Frauenrechte in Jugoslawien ab 1945 

Astrid Rana und Maya Taneva geben Einblick in die Frauenrechte im real existierenden Kommunismus in Jugoslawien ab 1945 und lassen Frauen von damals wie heute zu Wort kommen – eine literarische Perspektive. 

Präsentation und Gespräch: Deutsch

Donnerstag, 9. Dezember 2021: "Wir spucken auf Hegel" – Carla Lonzi und die autonome Frauenbewegung im Italien der 1970er Jahre

Elisa Fuchs und Francesca Dagnino berichten vom feministischen Aufbruch in Italien – aus eigener Perspektive und in Texten von Carla Lonzi. Sie stellt die von Männern geprägten Vorstellungen von Gesellschaft, Sexualität, Philosophie und Kunst radikal in Frage.  

Präsentation: Deutsch; Gespräch: Englisch (mit zusammenfassender Übersetzung)

Die drei Abende finden von 19 bis 21 Uhr bei mille et deux feuilles an der Glasmalergasse statt. Wir streamen die Veranstaltung zeitgleich über Zoom. Ein live-Eintritt kostet 15 Fr., eine Teilnahme über Zoom 10 Fr.

Bitte um Anmeldung über info@milleetdeuxfeuilles.ch oder 044 291 11 33. Covid-Zertifikat wird verlangt.


Über den Mittelmeerrand hinaus

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THEMENSCHWERPUNKT

Algerien

Algerien hat eine unglaublich reiche Geschichte und Kultur. Geographisch gar nicht so weit entfernt scheint das Land doch in einer anderen Welt zu liegen. Wir laden mit diesem Themenschwerpunkt dazu ein, Algerien, seine Geschichte und vor allem seinen beschwerlichen Kampf in die Unabhängigkeit kennenzulernen. Während des Arabischen Frühlings sind die Menschen hier ruhig geblieben – zu nahe waren noch die Erinnerungen an das Schwarze Jahrzehnt. Aber seit dem Februar 2019 setzen sich auch die Algerier*innen zur Wehr gegen eine korrupte und verkrustete Politik ohne Perspektiven.

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Hafen von Algier © Andrea Peterhans

Unser Gast aus Algier

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Maya Ouabadi ist 1988 in Algier geboren, wo sie heute noch lebt und arbeitet. Nach dem Studium der französischen Literatur hat sie sechs Jahre für den Verlag Barzakh gearbeitet, bevor sie sich als Verlegerin selbstständig machte. Schon seit ihrer Zeit bei Barzakh ist sie Teil des Kulturvereines Chrysalide und des Organisationskomitees für den Auftakt der Literatursaison in Mali. 2018 hat sie die Editions Motifs gegründet, die unter anderem die zweisprachige (französisch-arabisch) Literaturzeitschrift "Fassl" veröffentlichen, die Textkritiken, Gespräche und Porträts von algerischen und ausländischen Autor*innen, ebenso wie unveröffentlichte Texte, vorlegt.

Hier geht es zu ihren Beiträgen.


Unsere Buchtipps zu Algerien

Als die Phönizier um 1250 v. Chr. die Nordküste Afrikas besiedelten, trafen sie auf die Imazighen, die freien Menschen, wie sich die in der Region lebenden Berber selber nannten. Die berberische Bevölkerung teilte sich in ganz unterschiedliche, auf Clanzugehörigkeit basierende Gemeinschaften auf, Nomaden, sesshafte Bauern, mit unterschiedlichen Traditionen und Sprachen. Unter den numidischen Königen begannen sie mit den Phöniziern Handel zu treiben. Ein Fenster zur damaligen Welt öffnen Boualem Sansal in Maghreb – eine kleine Weltgeschichte und Barnaby Rogerson in In Search of Ancient North Africa. Rogerson beschreibt anschaulich das Leben in den phönizischen Städten, wie sich die Römer mit Hilfe des Numiderkönigs Massinissa gegen die Phönizier behaupten konnten, wie Numidien schliesslich als römische Provinz dem Imperium einverleibt wurde und wie Augustinus in Nordafrika die römisch-katholische Kirche geprägt hat. 534 n.Chr. übernahm Byzanz die Herrschaft über das nordafrikanische Küstengebiet.

Im 8. Jh. eroberten die Omayaden aus Arabien die nordafrikanischen Gebiete und führten den Islam ein. Mit Unterstützung der Berberkönige eroberten sie weite Teile der iberischen Halbinsel und begründeten die Hochkultur der andalusischen Königreiche, mit prachtvollen Bauten und Universitäten. Nach dem Zusammenbruch des Omayadenreiches um 750 n.Chr. folgten die schiitischen Fatimiden, die eine Arabisierung der nordafrikanischen Küstengebiete eingeleitet haben. Diese wiederum wurden von den muslimischen Berber-Dynastien der Almoraviden und der Almohaden abgelöst. Nach dem Zerfall des Almohadenreiches im 13. Jh. entstanden drei getrennte Königreiche, unter denen die Berber und die Araber in relativer Stabilität und gegenseitiger Toleranz zusammenlebten. Es war eine Zeit der kulturellen Blüte, Handel wurde mit Pisa, Genua und der Provence getrieben. Im 15. Jh. wurde die Reconquista des arabischen Andalusiens durch die katholischen Könige mit dem Fall Granadas abgeschlossen. Während der Reconquista wurden die muslimischen und jüdischen Menschen aus Spanien vertrieben und viele wanderten nach Marokko und Westalgerien aus.

Seit dem frühen 16. Jh. begann die Herrschaft der Osmanen in Nordafrika, das für 300 Jahre ein Teil des osmanischen Reiches wurde und seine Haupteinnahmen aus dem Sklavenhandel bezog. Der Sultan von Konstantinopel setzte Paschas ein, von 1659-1830 regierten gewählte Deys, Kommandanten der Janitscharen-Truppen. In dieser Zeit waren die Berber im Inneren des Landes praktisch selbstständig. Waciny Laredj beschreibt im Roman La maison andalouse anschaulich die Geschichte einer Familie nach der Vertreibung aus Andalusien unter der Herrschaft der Osmanen. Und in seinem sehr spannenden Essay Algérie, la nation entravée analysiert Mohamad Sadoun die Art der Beziehungen zwischen den Berbern und den osmanischen Besetzern.

1830 fiel Frankreich in das von 3 Mio. Menschen besiedelte Algerien ein. Die Siedler, zu Beginn vor allem aus Italien und Spanien, liessen sich auf den besten Ländereien nieder, Algier, Oran und Constantine wurden per Gesetz dem französischen Mutterland zugeschlagen. 1832 erhoben sich die Algerier erfolgreich unter der Führung von Abd el Kader gegen die Franzosen. Die in der Folge abgeschlossenen Friedensverträge wurden bald wieder von Frankreich n gebrochen, und der Krieg gegen Algerien wurde neu entfacht – und zwar um jeden Preis. In L'amour, la fantasia beschreibt Assia Djebar in einer Art Auto-Fiktion die Ankunft der Franzosen in Algerien, das 1847 ganz unter französische Kontrolle geriet. 1848 lebten hier bereits 100'000 europäische Zivilisten. Wie sich das Leben der Berber in den ländlichen Regionen durch die neuen Siedler verschlechterte und wie die Einheimischen unausweichlich in die Armut getrieben wurde, zeigt Mohamed Dib eindrücklich im Roman L'incendie. Ebenfalls einen spannenden Blick auf die Kolonialgeschichte wirft der in Algerien geborene Jacques Ferrandez in den ersten fünf Bänden seiner Graphic Novel Carnets d’Orients.

Die muslimischen Algerier wurden von Frankreich quasi entmündigt. Wahl- und Bürgerrechte hatten nur die europäischen Siedler und, aufgrund des 1870 erlassenen Décret Crémieux, die jüdischen Algerier. Das Schicksal der meist sephardischen jüdischen Gemeinschaften beschreibt der Historiker Benjamin Stora in Les trois exils. Juifs d’Algérie eindrücklich. In Valérie Zenattis Roman Jacob, Jacob begegnen wir einer jüdischen Familie in Constantine vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Kaouther Adimi hat der Buchhandlung "Nos richesses", gegründet von Edouard Charlot in den 30/40er Jahren in Algier, und dem Versuch, einen Austausch auf Augenhöhe zwischen Algeriern und Franzosen zu fördern, mit Was uns kostbar ist ein Denkmal gesetzt. Seit Beginn des 20. Jh. haben sich verschiedene algerische Bewegungen und Parteien für die Besserstellung der muslimischen Bevölkerung eingesetzt. Doch die sozialen Unterschiede zwischen ihr und den europäischen Siedlern wurden immer eklatanter und nach dem Ende des 2. Weltkrieges kam es zu Unruhen in Sétif, die auf brutale Weise von den französischen Streitkräften niedergeschlagen wurden.

1954 begann der Front National de la Libération (FLN) den bewaffneten Kampf gegen die Franzosen, der in einen äusserst gewaltsam geführten Unabhängigkeitskrieg mündete, mit Bombenanschlägen und Attentaten und auf der einen und mit Repression und Folter auf der anderen Seite. 1962 fand er mit der Unterzeichnung der Verträge von Evian ein Ende. Mohamed Dib beschreibt den Unabhängigkeitskrieg in seinem phantastischen Roman Und ich erinnere mich an das Meer. Malika Mokeddem führt uns in Die blauen Menschen zu einer sesshaft gewordenen Nomadin, die durch die Kolonialisierung ihre Traditionen verloren hat. Dieser lesenswerte Roman thematisiert auch die Stellung der Frau, der zwar während des Unabhängigkeitskampfes viele Rechte zugestanden wurden, diese ihr im unabhängigen Staat aber gleich wieder aberkannt wurden. Auch die Graphic Novel von Swann Merally, Algériennes, stellt die Frauen während des Unabhängigkeitskampfes in den Mittelpunkt. Der sehenswerte Film von Gillo Pontecorvo, La bataille d'Alger, zeigt die Jahre 1955/56, als der FLN Bombenanschläge auf französische Einrichtungen und Zivilisten in Algier verübte und wie daraufhin französische Fallschirmjäger den Kampf gegen den FLN in der Kasbah von Algier aufnahmen.

Auch die Algerienfranzosen wehrten sich erbittert, und zwar für ein französisches Algerien. Mit ihrer Organisation de l'Armée secrète (OAS), mit Aktionen wie der Woche der Barrikaden und einem Putsch in Algier, versuchten sie, die Unabhängigkeit Algeriens zu verhindern. Vor diesem Hintergrund spielt der Krimi von Maurice Attia, Alger la Noire. Es gab auch linke Algerienfranzosen, wie Fernand Iveton, der auf Seiten des FLN kämpfte und vom französischen Staat zum Tode verurteilt worden ist. Joseph Andras zeichnet sein Leben im Roman Die Wunden unserer Brüder nach. Nach der Unabhängigkeit von Algerien haben fast alle der ca. 1,4 Mio. europäischstämmigen Franzosen das Land verlassen. Als pieds-noirs gelangten sie nach Frankreich, wo sie aber kaum Unterstützung erhielten, ja sogar verachtet wurden. Alexis Jenni bringt uns im Roman Féroces infirmes auch die Erfahrungen und Verletzungen der im Unabhängigkeitskrieg kämpfenden französischen Soldaten näher.

Im unabhängigen Algerien wurden die Harkis, die vor allem in den Hilfstruppen gedient hatten und als Kollaborateure galten, Opfer von Gewalt. De Gaulle persönlich lehnte es ab, ihnen zu helfen. Trotzdem gelang 100’000-260'000 Menschen die Flucht nach Frankreich. Aber bis zu 50'000 Harkis verloren in Algerien ihr Leben. In Die Kunst zu verlieren erschafft Alice Zeniter ein faszinierendes Familienporträt vom Grossvater, der mit seiner Familie als Harki aus Algerien flieht, über ihre Internierung in Lagern in Frankreich, bis zur Rückkehr der Enkelin nach Algerien. Kamel Daoud formuliert in seinem herausragenden Buch, Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung, einerseits eine Antwort auf Albert Camus' Der Fremde, andererseits auch auf das Verhältnis zwischen Algeriern und Franzosen.

Ahmed Ben Bella, Mitbegründer der FLN und von 1956-1962 in Frankreich inhaftiert, wurde 1963 der erste Staatspräsident von Algerien. Seine Vision war ein sozialistisches Algerien, mit einer Agrarreform, der Verstaatlichung der Produktionsmittel und einer Rückkehr zu arabischen und islamischen Werten. 1965 wurde er von Houari Boumedienne, seinem Verteidigungsminister und FLN-Kommandant während des Krieges, gestürzt. Boumedienne hat die Industrialisierung des Landes weiter vorangetrieben und gilt als Schöpfer des modernen Algeriens. Welch revolutionärer Geist und welche Aufbruchsstimmung in Algier in den 60er und 70er Jahren geherrscht haben, beschreibt Elaine Mokhtefi, die als Amerikanerin und Sozialistin nach Algier kam, in Algiers, Third World Capital. Boumediennes Nachfolger, Chadli Benjedid, ebenfalls aus dem Militär hervorgegangen, sah sich zunehmenden Problemen gegenüber, wie hoher Arbeitslosigkeit und genereller Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Nach schweren Ausschreitungen 1988 leitete er eine Demokratisierung der Gesellschaft und eine Entmachtung des FLN-Parteiapparates ein. Tahar Djaout widerspiegelt in seinem sehr lesenswerten Roman, Les vigiles, den Zustand einer Gesellschaft, die sich selber blockiert hat. Mit der Demokratisierung etablierten sich verschiedene Oppositionsgruppen, darunter auch der Front Islamique du Salut (FIS), der sich für eine Arabisierung des Landes und die Einführung islamischer Gesetze einsetzte. Der FIS gewann 1991 die ersten freien Wahlen, aber das Militär zwang Benjedid zum Rücktritt, erklärte die Wahlen für ungültig und verbot den FIS. Das markierte den Beginn des Bürgerkrieges, der als das Schwarze Jahrzehnt bezeichnet wird. 1991 bis 2002 war geprägt vom Terror fundamentalistischer Gruppen und der brutalen Antwort des Militärs. Die wirtschaftliche Entwicklung kam völlig zum Erliegen. Sprachgewaltig beschreibt Mustapha Benfodil in Alger. Journal intense die Aufstände von 1988 und 1995 und deren Spuren, die bis heute in den Köpfen der Menschen weiterleben. Der 1999 gewählte Präsident Abdoulaziz Bouteflika verfolgte eine Politik der nationalen Aussöhnung, die zum Ende des Bürgerkrieges führte. Doch das Leben in Algerien ist weiterhin von grosser Frustration geprägt, wie dies der Film Les Bienheureux von Sofia Djama dokumentiert.

Jours tranquilles à Alger versammelt die Kolumnen der beiden JournalistInnen, Adlène Meddi und Mélanie Matarese, die ein schönes Stimmungsbild der Jahre 2012-2016 wiedergeben. In Dezemberkids arbeitet Kaouther Adimi die Konfliktlinien heraus, die 2019 den Unmut der Bevölkerung explodieren lassen: Korruption, verkrustete Institutionen, mangelnde wirtschaftliche Entwicklung. Nach der Wiederwahl von Abdoulaziz Bouteflika kam es zu massiven, aber gewaltfreien Protesten – dem Hirak, der Bewegung – die von Februar 2019 bis März 2020 jeden Freitag andauerten. Nach dem Rücktritt Bouteflikas forderten die Protestierenden grundlegende Veränderungen des politischen Systems. In seinem Essay Algérie, la nation entravée analysiert Mohamed Sadoun die strukturellen Voraussetzungen für eine solche Massenmobilisierung. Im März 2020 stoppte die Corona-Pandemie alle Demonstrationen, und der Staat hat in den letzten Monaten zahlreiche Aktivist*innen drangsaliert und inhaftiert. Aber seit Ende Februar 2021 ist der Hirak wieder zurück – mit Massendemonstrationen in vielen Städten und Regionen Algeriens.

Nebst Büchern und Filmen gehört auch die Musik zum lebendigen Kulturgut Algeriens, im Speziellen hörenswert sind die verschiedenen Raï-Interpret*innen, von Cheikha Rimitti (1950er-Jahre) bis zur Raï-Musik eines Cheb Khaled in den 80er Jahren. Wunderschön auch die Musik von Mazouni, der arabische Harmonien mit französischen Chansons verschmelzt. Ebenfalls berührend ist die judäo-arabische Tradition der Berbermusik.

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    In seinem 2018 erschienenen autobiografischen Roman Mémoires au soleil geht der Autor Azouz Begag auf Spurensuche in seiner Familiengesch...
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    Germaine Tillion
    Die gestohlene Unschuld
    Ein Leben zwischen Résistance und EthnologieEine Entdeckung, die ich mille et deux feuilles verdanke: Germaine Tillion, Ethnologin und So...
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    Joann Sfar
    Die Katze des Rabbiners Sammelband 1
    Ein liebenswerte, geistreiche und informative Comicreihe. Zusammen mit der witzigen und wortgewandten Katze des Rabbiners tauchen wir ein...
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    Die Einstiegsszene in diesen 2011 bei Gallimard erschienenen Roman ist mit einem Sterbebett möbliert. Trotz aussichtsloser...
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Und auf unserer Algerienseite präsentieren wir noch weitere Bücher, Filme und Musik.