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mille et deux feuilles
Buchhandlung zum Mittelmeer und mehr

Glasmalergasse 6 
8004 Zürich 
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Sa 10-17 Uhr

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Petition

Unser Wochentipp

Die Geschichten irritieren zu Beginn. Bis man die ihnen innewohnende Struktur versteht. Es sind – wie der Titel sagt – Horrorgeschichten. Aber sie handeln vom Horror, der im Alltag liegt, in Freundschaften, Familien. Und der Horror zeigt sich dann, wenn die Herausforderungen des Alltags, des Berufs, der Freizeit, der Beziehungen zu Ende gedacht werden, wenn Redewendungen real werden.


Neu in der Buchhandlung

  • slide 1
    Paco Roca / Rodrigo Terrasa
    El abismo del olvido

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  • slide 2
    Aleksandar Hemon
    Die Welt und alles, was sie enthält

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  • slide 3
    Isabelle Autissier
    Acqua Alta
    Die Möglichkeit für eine Katastrophe bildet den Boden dieses Venedig-Romans, der nach der Katastrophe einsetzt. Ein starkes Hochwasser ha...
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  • slide 4
    Akos Doma
    Das Haus in Limone

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  • slide 5
    Valeria Parrella
    Piccoli miracoli e altri tradimenti

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  • slide 6
    Prežihov Voranc
    Wildwüchslinge

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  • slide 7
    Libar M. Fofana
    Un arc-en-ciel dans les ténèbres

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  • slide 8
    Velibor Čolić
    Guerre et pluie

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  • slide 9
    Heinz-Dieter Franke
    "Kleine rote Fische, die rückwärts gehen"
    Eine Kulturgeschichte der Krebse
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  • slide 10
    Elizabeth Graver
    Kantika

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  • slide 11
    Sebastian Guhr
    Der spanische Esel

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  • slide 12
    Adriano Sack
    Noto

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  • slide 13
    Viola Di Grado
    Marabbecca

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  • slide 14
    Elena Bellei
    Non dargli un nome

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  • slide 15
    Şehnaz Dost
    ruh

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  • slide 16
    Alem Grabovac
    Die Gemeinheit der Diebe

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  • slide 17
    Jean-Pierre Abraham
    Der Leuchtturm

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  • slide 18
    Benoit d'Halluin
    Nacht ohne Morgen

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  • slide 19
    David Hewson
    Die Medici-Morde

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  • slide 20
    Montserrat Roig
    Die Frauen vom Café Núria
    Die Barcelona-Trilogie
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  • slide 21
    Wolfgang Korn
    Die Bagdadbahn
    Der deutsche Orient-Traum. Abenteurer, Ingenieure & Spione
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  • slide 22
    Enrico Palandri
    Lichter auf der Piazza Maggiore

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  • slide 23
    Dacia Maraini
    Tage im August

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  • slide 24
    Renato Martinoni
    La campana di Marbach
    Antonio Ligabue. Romanzo dell'artista da giovane
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  • slide 25
    Georges Haldas
    Vor der grossen Abfahrt / Avant le grand départ
    Gedichte über das Altern, den Abschied und den Tod
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Über den Mittelmeerrand hinaus

Sie finden bei uns auch Aktualitäten aus der ganzen Welt und können diese natürlich auch bei uns bestellen!

aktuell

 

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THEMENSCHWERPUNKT

Flucht und Migration

Flucht und Migration sind keine neuen Erscheinungen. Der Mittelmeerraum war schon immer ein Raum, in dem Menschen sich bewegen, innerhalb eines Landes oder zwischen zwei Ländern, oder gar mehrere Länder inklusive des Mittelmeeres durchqueren. Dieses historische Wissen findet jedoch nicht immer Eingang in die öffentlichen Debatten und, wenn doch, gerne verkürzt. Die damit verbundenen Ängste und Betroffenheiten werden allzu oft für Eigeninteressen missbraucht und ideologisch vereinnahmt. Wir möchten Sie deshalb mit diesem Schwerpunkt, der für einmal nicht ein Land oder eine Region in den Fokus nimmt, einladen, sich diesen Bewegungen auf vielfältige Weise zu nähern und dabei neue Fragestellungen und Antworten zu entdecken.

Unterwegs

   

Johanna Lier Gastbeitrag 2

Für unsere Gastbeiträge zum Thema Flucht und Migration laden wir dazu ein, Facetten dieses Thema aufzuzeigen. Der aktuelle Beitrag stammt von der Schriftstellerin, Journalistin und Aktivistin Johanna Lier, die in Berlin und Zürich lebt.

Johanna Lier erzählt für mille et deux feuilles von ihrer Arbeit als Aktivistin in der Seenotrettung resp. im transnationalen Netzwerk Watch the Med Alarmphone. Das Wissen um die Menschen, die sich auf der Flucht immer wieder in Situationen der extremen Verlassenheit befinden, bringt sie zu ihrer eigenen Familiengeschichte. Johanna Liers Überlegungen und Gedanken werden gestützt von Zitaten von Rahel Jaeggi, Professorin für praktische Philosophie an der Humboldt Universität in Berlin.

Hier geht es zu ihrem Beitrag.


Unsere Buchtipps zu Migration und Flucht

Einen ausgezeichneten Einstieg in das Thema Migration im europäischen Raum vermittelt Sylvia Hahn in ihrer spannenden und gut verständlichen Einführung Historische Migrationsforschung. Sie veranschaulicht die Geschichte der globalen Zu- und Abwanderung, der Verfolgung und Vertreibung mit interessanten Beispielen vom Mittelalter bis heute. Eine zwar nicht ausdrücklich als Migrationsgeschichte deklarierte Lektüre, jedoch eine, die detailliert das Hintergrundwissen zum sogenannten mare nostrum liefert, ist die Geschichte der Kulturen rund ums Mittelmeer von David Abulafia: Das Mittelmeer. Eine Biographie.Angefangen bei 22'000 v. Chr. erzählt das umfangreiche Werk von der damaligen verbindenden Funktion des Mittelmeeres. Ein sehr aufschlussreiches Bändchen, das die Ursachen von menschlichen Bewegungen im Mittelmeerraum aufzeigt, ist Hans-Christian Riechers: Europas letzte Festungen. Reise nach Ceuta und Melilla. Riechers schlägt den Bogen von 1415 bis heute und erzählt von meist unbekannten, aber einschneidenden Ereignissen in diesen beiden Städten, die seit dem 15. Jahrhundert als Bastionen vor dem europäischen Kontinent bestehen. In Die Verlorene Spur – La huella perdida erforscht Adela Picon fotographisch diese von Kolonialismus und Abgrenzung geprägten Städten. Beide Werke zeigen auf, wie Ereignisse der Vergangenheit in der Gegenwart weiterwirken. Möchte mensch sich noch weiter in den Umgang mit Territorialität und Bewegungsfreiheit in der Vergangenheit vertiefen, empfiehlt sich sehr, Mediterrane Urbanität von Christian Reder zu lesen. Sein Blick auf die Geschichte zeigt eindrücklich, welch verheerende Folgen die Ablehnung der "Fremden" jeweils auf die sich abschottende Gemeinschaft hatte, die zuvor Perioden vitaler Vielfalt im Zusammenleber verschiedener Kulturen durchlebt hatte. 

Exemplarisch für die unzähligen Katastrophen im Mittelmeerraum, die Menschen zur Flucht gezwungen hatten, richten wir den Blick auf die heutige Türkei. Im packenden historischen Roman Spiegel der Stadt widmet sich Elif Shafak der Vertreibung der Jüd:innen im 15. Jahrhundert aus Spanien und hebt dabei hervor, wie die Vertriebenen in Venedig und im osmanischen Istanbul willkommen geheissen wurden. Im sorgfältig zusammengestellten Bild-Text Essay Hidden Istanbul von Francoise Caraco folgen wir den Spuren der sephardischen Juden und Jüdinnen im heutigen Istanbul. In Ni kaza en Turkiya erzählen sechs sephardische Autor:innen von den verschiedenen Facetten sephardischen Lebens im heutigen Istanbul, geprägt von Verbannung, Flucht und Exil. Der autofiktionale Roman Gleissendes Licht von Marc Sinan zeigt eindrücklich, wie der Genozid von 1915/1916 an den Armenier:innen noch heute zerstörerisch in die Gegenwart einbrechen kann. Hier kann auch die sogenannte Kleinasiatische Katastrophe nicht unerwähnt bleiben, die Vertreibung von Griech:innen aus der Türkei und umgekehrt: von Türk:innen aus Griechenland. Dieser Bevölkerungsaustausch wurde 1923 im "Vertrag von Lausanne" vereinbart. Ob eine Person als Griech:in oder Türk:in galt, hing von der Religionszugehörigkeit ab. Maria Topali macht für die Lesenden in Die Wurzeln lang ziehen fassbar, welche Auswirkungen dieses Schicksal auf die Nachkommen hatte und welche Bedeutung die damals Geflüchteten für das heutige Griechenland haben. So bereicherten sie unter vielem anderen die Musik Griechenlands. Von den aus Kleinasien stammenden Flüchtlingen stammt der Rembetiko, der sich zu einer der populärsten Musikformen Griechenlands entwickelte. Die Graphic Novel Rébétiko (La mauvaise herbe) von David Prudhomme berichtet von dieser Musik und den Menschen, die sie gespielt haben.

Die Vernichtung und Vertreibung der Jüd:innen durch die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg war eine weitere Katastrophe, die auch in der Türkei ihren Niederschlag gefunden hatte. So wurden zahlreiche Wissenschaftler:innen aus Deutschland in die Türkei eingeladen und unterrichteten an den dortigen Universitäten. Mathias Göritz erzählt in Die Sprache der Sonne von diesen Jahren. Viele verfolgte Jüd:innen machten sich auf den Weg nach Palästina. In Transit Istanbul Palästina erfahren wir von Reiner Möckelmann detailliert über das vorwiegend geheime, informelle Netzwerk, das ab 1941 von Istanbul aus Jüd:innen aus Südosteuropa zur Flucht nach Palästina verhalfen. Zülfü Livaneli hat in Serenade für Nadja den Flüchtenden auf dem Schiff Struma, das 1942 vor der türkischen Küste versenkt worden ist, ein literarisches Denkmal gesetzt. Seither haben die Fluchtbewegungen nicht aufgehört, sei es aus Kurdistan, aus Syrien, Afghanistan, Pakistan … und die Türkei ist zur Grenzwächterin Europas geworden.

Migration hat auch ihre Spuren in der Schweiz. Vor allem seit den fünfziger und sechziger Jahren wandelte sich die Schweiz vom früheren Auswanderungsland in ein Land, das Menschen als billige Arbeitskräfte im Ausland anzuwerben begann. Wie es den italienischen Arbeiter:innen erging, die damals in die Schweiz kamen, zeigen eindrücklich die Texte von Rosanna Ambrosi in Tra due culture – Zwischen zwei Kulturen. Die Portraits in Der Schwarzenbacheffekt von Francesca Falk und die Autobiografie Jagt sie weg! von Concetto Vecchio widmen sich ebenfalls diesem Thema. Manche Nachkommen dieser Arbeiter:innen werden später Autor:innen und Regisseur:innen. Einige davon nehmen sich vor, das Leben ihrer Eltern zu reflektieren und zu beschreiben, aber auch das eigene. So zum Beispiel Paolo Polini, der im Film Viaggio a Misterbianco ein filmisches Tagebuch einer Winterreise durch ein anderes Italien präsentiert, gefilmt von einem Italiener, der Italien nicht kennt. Auch die Protagonistin Seka, im Roman Für Seka von Mina Hava, wächst in der Schweiz auf und blickt aus dieser Perspektive Richtung Herkunftsland ihrer Eltern, in ihrem Fall ist das Bosnien. Sie tut dies aus einer postmigrantischen Perspektive heraus wie auch Ivna Žic, die in Die Nachkommende eine Familiengeschichte erzählt, die vom Auswandern der Eltern kurz vor dem Krieg in Kroatien in die Schweiz geprägt ist.

Heute ist die zeitgenössische Literatur stark von einem migrantischen Blick geprägt. Menschen der ersten und zweiten Generation, die von den Fluchterfahrungen, den Schwierigkeiten am Ankunftsort Fuss zu fassen erzählen. Um nur eine kleine Auswahl zu erwähnen: In Unentbehrliches Handbuch zum Umgang mit Grenzen verwebt Gazmend Kapllani auf  grandiose Weise seine persönliche Geschichte in Albanien mit einem generellen Nachdenken über das Dasein als Migrant. Emine Sevgi Özdamar hebt in ihrem Roman Ein von Schatten begrenzter Raum hervor: "Wenn man von seinem eigenen Land einmal weggegangen ist, dann kommt man in keinem neuen Land mehr an. Dann werden nur manche besonderen Menschen dein Land." Sie schildert auf faszinierende Weise, wie durch die Kombination von Kunst und Leben Fremdsein, Ankommen und Einsamkeit beschrieben und dadurch bewältigt werden können. In Dschinns zeigt Fatma Aydemir aus dem Blickwinkel der Familie Yilmaz die vielen verschiedenen Facetten eines Lebens zwischen zwei Heimaten.

Bevor Flüchtende aber ankommen, sind sie zunächst auf einem beschwerlichen Weg. Um vor Krieg, Vertreibung, fehlenden Perspektiven oder Verfolgung zu fliehen, müssen sie oft einen lebensgefährlichen Weg auf sich nehmen, sei es, dass sie in einem nicht seesicheren Boot über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen versuchen, sei es, dass sie über Land mehrere Länder durchqueren bzw. Grenzen passieren müssen. Ein ausgezeichneter Film zum Thema Seenot(rettung) ist Styx; ein stiller Film, in dem es um das im Erleben und Handeln sich erschliessende, wesenhafte menschliche Dasein geht. In Namen statt Nummern von Cristina Cattaneo steht die Identifizierung der Opfer der grossen Schiffsunglücke vor Lampedusa von 2013 und 2015 im Zentrum. Sie beschreibt diese mit viel Empathie und fern jeglicher soziopolitischen Aufregung. Amori. Die Inseln von Johanna Lier ist ein dokumentarischer Bericht, der mit literarischen Mitteln die grösstmögliche Nähe zu den Beteiligten sucht und neun Männer und Frauen aus dem Lager Moria auf der Insel Lesbos, Geflüchtete und Aktivist:innen, erzählen lässt, was es braucht, um dort zu überleben. In Die Insel erzählt Franziska Grillmeier engagiert und empathisch ebenfalls davon, wie seit 2015 und insbesondere seit 2020 – im Schatten der Corona-Pandemie – in den Lagern von Moria mit den geflüchteten Menschen umgegangen wird. Ebenso unter die Haut geht Meine Worte brechen eure Grenzen von Parwana Amiri, einer jungen Frau, die 2018 mit ihrer Familie aus Afghanistan geflohen war und auf ihrer Odyssee im Herbst 2019 im Lager Moria auf Lesbos strandete. Das Bändchen beinhaltet Briefe an die Welt, die insbesondere die untragbare Situation für Frauen auf der Flucht hervorhebt. Eine gut lesbare Dokumentation zu der Organisation von Flucht, darüber wie Schlepper- und Menschenhändlerringe funktionieren und welche Rolle soziale Medien dabei spielen, ist das Sachbuch Die von Europa träumen von Melita H. Šunjić. Auf eindrückliche Weise hat der Eritreer Haji Jabir das Thema Flucht in Black Foam beschrieben. Er zeigt, wie die geflüchteten Menschen ihre eigene Identität zurücklassen müssen und zu dem "schwarzen Schaum" werden, zu einer neuen Kategorie Mensch: den Flüchtlingen. Abu Bakr Khaal verarbeitet in African Titanics seine eigene Flucht übers Mittelmeer auf äusserst poetische Weise. Bei ihm sind die Flüchtenden die Akteure, ein wichtiger Perspektivenwechsel. Mascha Gessen macht in Leben mit Exil. Über Migration sprechen auf die verschiedenen Aspekte des Schreibens über Geflüchtete aufmerksam und denkt darüber nach, welche Rolle Journalist:innen haben, wenn es darum geht, über Migration und Migrant:innen zu berichten, zu sprechen, zu schreiben. Inspirierend ist die literarische Verarbeitung dieses Themas durch Noor Naaga. Sie setzt sich in If an Egyptian Cannot Speak English mit der Frage auseinander, wer über andere sprechen kann, bzw. darf. In Romanform konfrontiert sie die Lesenden mit der verhängnisvollen Begegnung zwischen einer privilegierten Rückkehrerin und einem zwar ebenso suchenden, aber nicht privilegierten Menschen.

Doch für sehr viele beendet die Ankunft in einem sicheren Land nicht ihr Leiden. Das gilt auch für die Menschen, die in der Schweiz ankommen. Auf der einen Seite ist da die Asylpolitik bzw. die Handhabung des Asylrechts und auf der anderen Seite, wie die Gesellschaft auf die Angekommenen reagiert. Allzu oft stossen die Menschen auf Widerstand und Unverständnis, tief verwurzelte Stereotypen werden bewusst oder unbewusst reproduziert. Diese Haltung kann von Nichtwahrnehmen über versteckte bis offene Ablehnung und Gewaltanwendung gehen – wie dies die Publikation Status F aufzeigt. Wie es drei jungen Menschen, die in einem Heim für unbegleitete junge Flüchtlinge in Genf leben, ergeht, erfahren wir in der Graphic Novel Allein in der Fremde. Auch In der Fremde sprechen die Bäume arabisch führt uns Usama Al Shahmani vor Augen, wie ambivalent der Begriff Heimat ist. Insbesondere die Fremdheit in der Schweiz, die fehlende emotionale Geborgenheit, die ein "Heimatland" im Sinne einer Sprache, einer Familie geben kann, werden in diesem Roman ergreifend beschrieben. Immer wieder taucht die zentrale Rolle der Sprache auf, wenn es darum geht in einer neuen Gesellschaft anzukommen. Ein tolles Beispiel für den möglichen vielstimmigen literarischen, kulturellen und menschlichen Austausch ist die Hör-CD Weiter schreiben – (W)Ortwechseln, die literarische Begegnungen mit Exil-Autor:innen enthält. Mit dem Gedichtband Buch von Glück ist es Dragica Rajčić gelungen, in dem gebrochenen, schillernden Deutsch die Fremdheit sprachlich zu unterstreichen. In ihrem Essayband Wahrscheinliche Herkünfte geht Ivna Žic dem kreativen Potenzial der Vielsprachigkeit nach.

In Anbetracht all dieses Leids und Ungerechtigkeiten, ist es wichtig, die Möglichkeit des Handelns nicht aus den Augen zu verlieren. In Ändere deine Welt schildert Cédric Herrou, wie er als unpolitischer Mensch seinem Gewissen folgt und in Zusammenarbeit mit solidarischen Rechtsanwält:innen und Freiwilligen geflüchteten Menschen hilft. Ein weiteres Beispiel gibt Mimmo Lucano in Dorf des Willkommens, wo er aufzeigt wie die Asylpolitik auf Gemeindeebene angegangen werden könnte. Die Willkommensgesellschaft, eine Sammlung von Reportagen (ab 2021) über Zeugnisse von solidarischen Praktiken der Zivilgesellschaft, erlaubt es, Migrierende und Flüchtende als Subjekte ihrer eigenen Geschichte wahrzunehmen. Zudem gibt es auch zahlreiche spannende Ideen und Texte darüber, wie ein Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Kontexten aussehen könnte. So schreibt Volker M. Heins in Offene Grenzen für alle vom kreativen Potenzial der Menschen in Bewegung und weitet den Begriff auf die vielfältige Gesellschaft aus. Und im luziden Text von Donatella Di Cesare Philosophie der Migration wird in jedem Migranten die Figur des "Ansässigen Fremden" erkennbar gemacht und zeigt dabei die Möglichkeiten auf, das Zusammenwohnen neu zu denken. Auch Erol Yildiz und Wolfgang Meixner denken in ihrem Essayband Nach der Heimat. Neue Ideen für eine mehrheimische Gesellschaft über das heimisch Werden nach und zeigen auf, dass Heimat teilbar und mehrheimisch Sein möglich ist. Eure Heimat ist unser Albtraum, herausgegeben von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah, ist ein Manifest gegen Heimat – als völkisch verklärtes Konzept –, gegen dessen Normalisierung sich vierzehn deutschsprachige Autor:innen wehren. Romane wie Identitti von Mithu Sanyal und Kolumnen wie Werden sie uns mit FlixBus deportieren? von Mely Kiyak zeigen, wie selbstironisch, klug und frech zugleich Autor:innen mit den Ausgrenzungen literarisch umgehen. Ein auch sehr treffender Essayband zu diesen Themen ist Postmigrant Turn. Rahel Cramer, Jara Schmidt und Jule Thiemann geht es darum, einen Beitrag zur (An-)Erkennung von strukturellem und institutionellem Rassismus zu leisten und Diskurshoheiten einer weissen Dominanzgesellschaft zu hinterfragen. Ein weiterer interessanter Beitrag dazu ist Diversität der Ausbeutung, herausgegeben von Eleonora Roldán Mendívil und Bafta Sarbo. Das Buch liest sich als Kritik am herrschenden liberalen Antirassismus, der sich darauf konzentriert, moralische Kritik an Individuen zu üben und dabei die Gesellschaftskritik aus dem Blick verliert.

Hier finden Sie noch weitere Empfehlungen von uns zu Büchern zu Migration und Flucht:

  • slide 1
    Vincenzo Todisco
    Das Eidechsenkind

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  • slide 2
    Najem Wali
    Die Balkanroute
    Mit Fotografien von Goran Potkonjak
    Broschiertes Buch mehr
  • slide 3
    Velibor Čolić
    Die Welt ist ein grosser Flipper
    Der Ich-Erzähler ist 1992 aus Bosnien nach Frankreich geflüchtet. Seine Ankunft in diesem Land, dessen Sprache er nicht spricht, und die...
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    Enis Maci
    Eiscafé Europa
    Von Feminismus, über die populistischen Bewegungen, zu den identitären Strömungen bis zu Möglichkeiten des Widerstandes unter totalitären...
    Taschenbuch mehr
  • slide 5
    Behzad Karim Khani
    Hund, Wolf, Schakal

    Gebundenes Buch mehr
  • slide 6
    André Aciman (Hrsg.)
    Letters of Transit - Reflections on Exile, Identity, Language, and Loss
    Fünf Autoren und Autorinnen schreiben über ihre eigenen Erfahrungen, wie sie das Ankommen in einer neuen Umgebung durchlebt und angegange...
    Broschiertes Buch mehr
  • slide 7
    Velibor Čolić
    Manuel d'exil
    Der Ich-Erzähler ist 1992 aus Bosnien nach Frankreich geflüchtet. Seine Ankunft in diesem Land, dessen Sprache er nicht spricht, und die...
    Taschenbuch mehr
  • slide 8
    Christoph Miler
    Nowhere Men
    Ein sehr schön gemachtes, gut designtes Buch, das die archetypischen Geschichten von sechs Personen, die aus verschiedenen Teilen der Wel...
    Taschenbuch mehr
  • slide 9
    Ömer Alkın, Lena Geuer (Hrsg.)
    Postkolonialismus und Postmigration

    Broschiertes Buch mehr
  • slide 10
    Christian Ritter
    Postmigrantische Balkanbilder
    Ästhetische Praxis und digitale Kommunikation im jugendkulturellen Alltag
    Gebundenes Buch mehr
  • slide 11
    Meral Kureyshi
    Elefanten im Garten

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  • slide 12
    Melinda Nadj Abonji
    Tauben fliegen auf
    Über den Verlust der Heimat
    Taschenbuch mehr
  • slide 13
    Najat El Hachmi
    Eine fremde Tochter
    Stilsicher und temporeich führt uns Najat El Hachmi durch den autobiografisch gefärbten Roman. Eine fremde Tochter ist ein über...
    Broschiertes Buch mehr
  • slide 14
    Christa Schuenke, Brigitte Struzyk (Hrsg.)
    Fremde Heimat. Texte aus dem Exil
    Ein vom PEN-Zentrum Deutschland in Auftrag gegebener Band, der Beiträge von Autoren und Autorinnen, die mit einem PEN-Stipendium in Deuts...
    Gebundenes Buch mehr
  • slide 15
    Xavier-Marie Bonnot
    Les vagues reviennent toujours au rivage
    Als der pensionierte Michel De Palma, früher in der Mordkommission von Marseille tätig, vom Selbstmord seiner früheren Geliebten Thalia G...
    Broschiertes Buch mehr
  • slide 16
    Usama Al Shahmani
    Im Fallen lernt die Feder fliegen
    In diesem sehr dichten Roman führt uns Usama Al Shahmani vor Augen, wie ambivalent der Begriff Heimat ist. Erzählt wird die Geschichte au...
    Gebundenes Buch mehr
  • slide 17
    Nagar Djavadi
    Desorientale
    Die Ich-Erzählerin, Kimiâ Sadr, sitzt im Warteraum einer Kinderwunschklinik und nutzt die Wartezeit dazu, uns ihre Geschichte zu erzählen...
    Gebundenes Buch mehr
  • slide 18
    Andrej E. Skubic
    Spiele ohne Grenzen
    Der Roman spielt in einer undefinierten, theoretisch sehr nahen Zukunft, in der die Flüchtlingspolitik ausschliesslich auf die ökonomisch...
    Gebundenes Buch mehr
  • slide 19
    Olga Grjasnowa
    Gott ist nicht schüchtern
    Ein zutiefst menschlicher Text, in dem Olga Grjasnowa versucht, den Menschen, die hinter dem Begriff "Flüchtlinge" stecken, ih...
    Gebundenes Buch mehr
  • slide 20
    Wolfgang Bauer
    Über das Meer. Mit Syrern auf der Flucht nach Europa.
    Wolfgang Bauer, ein Journalist, begleitet gemeinsam mit dem Fotografen Stanislav Krupar, inkognito eine Gruppe von Syrern auf ihrem Versu...
    Taschenbuch mehr
  • slide 21
    Navid Kermani
    Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa
    Kermani hat die Orte, die heute tagtäglich in den Medien auftauchen besucht, zusammen mit dem Photographen Moises Saman, der den Text mit...
    Taschenbuch mehr
  • slide 22
    Stéphanie Coste
    Le passeur
    2015, an der Küste Libyens. Seyoum, ein Erithreer, ist ein Schlepper, der mächtigste an der Küste, der sein Geschäft auf der Hoffnung der...
    Broschiertes Buch mehr
  • slide 23
    Hisham Matar
    Die Rückkehr
    Nach der Revolution gegen Gaddafi, die 2011 begonnen hat, gab es 2012 ein kurzes Zeitfenster, als eine Zukunft in Libyen denkbar war. Die...
    Gebundenes Buch mehr

Und auf unserer Flucht und Migration Seite präsentieren wir noch weitere Bücher, Filme und Musik.

Gerne weisen wir auch auf diese Ausstellung hin:

Italianita

Italianità. Erfahrungen Schweiz, die vom 16. Januar bis am 14. April 2024 im Landesmuseum in Zürich zu sehen ist.